Was ist der Sinn des Fussballs? Also wirklich? Diese Frage stellte sich der Athener FC Becazzes. Und kam zum Schluss: Spass und Sozialismus.
Akis Katsoudas (Text und Fotos)
Sie heissen Schnepfen. Auf Griechisch klingt das zwar charmanter: Becazzes oder μπεκάτσες. Doch trotzdem: Ein gedrungener, taubengrosser Vogel mit kurzen Beinen und einem überdimensionalen Schnabel als Namens- und Wappentier eines Fussballclubs? Ausgerechnet einem Sport, der sonst gern majestätische Kreaturen wie Löwinnen, Falken und Wölfinnen auf den Emblemen zeigt?
Es gibt natürlich Erklärungsversuche.

Erstens. Waldschnepfen sind aussergewöhnliche Tiere. Ihre Fähigkeit, sich so gut zu tarnen, dass man sie selbst dann übersieht, wenn man direkt an ihnen vorbeigeht, ihre weit hinten am Kopf sitzenden Augen, die einen Weitwinkelblick erlauben und ihre erstaunliche Ausdauer, machen sie besonders. Waldschnepfen ziehen quer durch Europa, vom Norden in den Süden, um dem Winter zu entfliehen. 1971 entdeckte man in Griechenland eine Schnepfe, die vier Jahre zuvor in Finnland losgeflogen war – 2500 Kilometer entfernt!
Zweitens. Im griechischen Fussballjargon heisst ein Schuss, der weit über das Tor geht, «Schnepfe» – weil die Vögel so hoch fliegen.
Drittens. Einen Fussballverein aus dem Nichts zu gründen, ähnelt dem plötzlichen Aufsteigen einer Waldschnepfe, wenn sie überrascht wird.
So begann die Geschichte der Athener Schnepfen, des FC Becazzes, vor rund einem Jahr. Eva Dalla postete spontan auf Instagram: «Ich wollte sonntags Fussball spielen – so wie mein Freund. Ich hatte dem FC Abalos geschrieben, einem bekannten Grassroots-Team, aber die hatten keinen Platz mehr. Also kaufte ich Fussballschuhe und sagte mir: Dann gründe ich eben mein eigenes Team.» Der Aufruf schlug ein. Es meldeten sich eine ganze Reihe von Frauen, die mitmachen wollten. Eine der ersten war Anastasia Bourousi. Heute gehört sie zu den aktivsten Spielerinnen, doch anfangs lehnte Eva sie ab – worüber die beiden noch immer lachen.

Anastasia war als Kind zwar Fussballfan, spielte aber nie selbst. Stattdessen schwamm sie Wettkämpfe und war im Volleyballclub. «In der Schule habe ich in den Pausen gekickt, aber nie ernsthaft. Trotzdem war Fussball immer Teil meines Lebens. Ich habe viel geschaut – und tue es immer noch», erzählt sie. Eva hingegen spielte schon als kleines Mädchen mit ihrem Vater und dessen Freunden. Mit zehn trat sie der Fussballschule von Mimis Domazos bei, einer Legende des Athener Clubs Panathinaikos. Sie war eines von zwei Mädchen unter lauter Jungen. In der Oberstufe hörte sie auf, doch die Sehnsucht blieb – und wurde nun erfüllt.
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Ihre Sonntage, an denen der FC Becazzes normalerweise trainiert, haben sich völlig gewandelt. Eva nennt sie «heilige Tage». «Ich habe das Gefühl, wir sind alle verliebt und sehen alles rosarot», sagt sie. Anastasia empfindet ähnlich. «Ich freue mich die ganze Woche auf das Training. Früher fühlte ich mich oft verloren. Jetzt habe ich einen Sinn gefunden. Selbst als ich finanziell kämpfen musste, kam es mir nie in den Sinn, das Training ausfallen zu lassen. Es ist meine oberste Priorität», erklärt sie. Im ersten Jahr trat der FC Becazzes am selbstorganisierten UFA Champions League Turnier an – mit Grassroots-Teams aus ganz Athen. Eine einschneidende Erfahrung, geprägt von Niederlagen. «Wir trainierten noch Grundlagen: Ballkontrolle, Positionen halten. Uns war klar, dass es nicht gut laufen würde. Aber wir gingen hin, um Spass zu haben, die Community zu treffen. Doch im Laufe des Turniers ärgerte mich das Verlieren immer mehr. Ich fragte mich: Warum verlieren wir 7:1? Was machen wir falsch?», erzählt Anastasia. «Ich gehöre zu denen im Team, die sich furchtbar fühlen, wenn ein Pass oder Spielzug misslingt. Dann denke ich: Das gibt es doch nicht, ich mache das seit einem Jahr und werde nicht besser.» «Und genau da», unterbricht Eva, «müssen wir anderen sagen: Es ist okay.»

Das Turnier zwang die Schnepfen, über ihr Ziele zu entscheiden. Wollen sie gewinnen? Wollen sie Spass haben? «Lange fanden wir die Balance nicht. Wenn es nur ums Gewinnen ginge, würden nur drei oder vier wirklich gute Spielerinnen auf dem Rasen stehen, der Rest nicht. Was ich an unserem Team liebe, ist, dass alle Leistungsniveaus Platz haben», sagt Eva und betont, dass ihr die Stimmung im Team wichtiger ist, als brillanter Fussball. Diese Haltung zeigte sich auch im letzten Freundschaftsspiel gegen den FC Abalos – das Team, das für Eva einst keinen Platz im Kader fand. Anlass der Begegnung war die Präsentation des ersten Trikots des FC Becazzes, entworfen mit und gesponsert von Icarus, der britischen Sportbekleidungsunternehmen mit dem griechischen Namen. Als die finalen Designs eintrafen, weinte Anastasia vor Freude. Beim Fest nach dem Spiel (Musik! Drinks! Tanz!) trugen viele ihr neues Leibchen bis spät in die Nacht. «Ich fühlte mich wie mit sieben auf einer Kinderparty. Es fehlten nur die Hüte», sagt Eva lachend. «Ich war so glücklich, obwohl wir das Match verloren haben. Ich weiss nicht, wann ich zuletzt so betrunken war – so viel Spass hatte ich», so Anastasia.

Was die Schnepfen noch glücklicher macht: Sie haben eine Community geschaffen, die Fussball anders denkt. Und sie hoffen, dass neue Teams entstehen – damit es mehr Gegnerinnen gibt. «Als ich damals auf Instagram postete, überlegte ich: Tennis oder Fussball? Aber Tennis ist teuer. Man braucht Schläger, Ausrüstung, ist von einer Person abhängig. Fussball braucht nur einen Ball. Und der war immer da. Auch wenn man uns nicht mitspielen liess. Auch wenn wir ins Tor mussten, weil wir Mädchen waren. Fussball bietet viele Möglichkeiten – auch sozial. Beim Tennis ist man zu zweit. Wir sind viele», sagt Eva. Anastasia fügt hinzu: «Es ist eine politische Frage. Fussball ist der sozialistischste Sport. Die Kultur, die er schafft. Es ist ein universelles Spiel. Wer auch immer du bist, du bekommst einen Pass. Es ist nicht elitär wie andere Sportarten. Vor allem für queere Frauen. Es ist der queerste Sport.»
Den Sommer verbrachten sie gemeinsam vor dem Fernseher und verfolgten die Frauen-EM 2025. «Es ist gross-artig, dass Frauenfussball endlich sichtbar ist. Wir posten darüber auf Social Media, um zu zeigen: Mädchen gehören auf den Platz. Frauen auf dem Spielfeld müssen präsent sein.» Der FC Becazzes will nicht ins Fernsehen. Er will einfach weiterspielen. Frei sein. Wie echte Schnepfen.
