Direkt zum Inhalt
Die Kapitänin

Die Kapitänin

Ein Abszess, der ihr Leben veränderte. Eine EM, die ein ganzes Land begeisterte. Und ein Abschied aus London, der ihr das Herz brach. Lia Wälti erzählt von einem Jahr, das sie nie vergessen wird. 

 

Christof Gertsch (Text) und Freaky Blink (Bilder)

Ein Nachmittag im November, schwacher Wind, Wolken treiben über die Hügel. Über den Dächern von Turin läuft eine schmale Asphaltbahn im Kreis, als suche sie einen Ausweg. Hier oben, auf der legendären Teststrecke des Fiat-Werks Lingotto, steht Lia Wälti, Captain des Nationalteams, schaut auf eine Stadt, die ihr noch fremd ist, und sagt: «Es war eine Achterbahnfahrt, eine unvergessliche.»

Es ist ihr Satz des Jahres. Und sie meint nicht nur den Fussball. Sie meint alles.

Unten in der Stadt, am Ufer des Po, steht die Wohnung, in der sie seit ein paar Wochen aus zwei Koffern lebt. Heute sind endlich die Kisten aus London angekommen. Ebenfalls heute hat sie eine Firma gegründet, ihre zweite, eine Herzenssache, über die sie lange nachgedacht hat. Wir kommen noch drauf. Und dann ist da noch die Nachricht des Verbands, dass er sich von Pia Sundhage trennt, der Trainerin ihres EM-Sommers.

Es ist ein bisschen viel für einen Tag, und es war ein bisschen viel für ein Jahr. Aber es war auch gut. Und jetzt will Lia Wälti davon erzählen.

«Ich habe das Gefühl, dass ich erst jetzt, im Rückblick, verstehe, was passiert ist.»

Es begann mit einer Diagnose, die sich bedenklich anhörte, aber lösbar schien. Ende 2024 verspürte Lia Wälti plötzlich einen Schmerz im Gesäss, den sie nicht einordnen konnte. Im Spital diagnostizierte man einen Abszess, noch am selben Abend wurde sie notfallmässig operiert. Was sie erst später erfuhr: Die Infektion war weit fortgeschritten. «Zum Glück hat man es rechtzeitig entdeckt», sagt sie, «es hätte lebensgefährlich sein können.»

Es hiess, nach drei bis vier Wochen könne sie wieder spielen. Also ging sie die Reha so an, wie sie es von sich kennt: diszipliniert. Zuerst viel liegen, damit die Wunde heilen kann, dann leichtes Krafttraining, ein paar Pässe mit dem Ball. Die Festtage verbrachte sie zu Hause in Langnau im Emmental auf dem Sofa ihrer Eltern, dem pensionierten Seklehrer Andreas und der Heilpädagogin Monika. «Sie haben mir alles abgenommen», sagt Wälti. «Ich musste nur stillhalten. Das fiel mir fast am schwersten.»

Anfang Januar war sie zurück in London, bei Arsenal, ihrem Verein seit sieben Jahren, wo sie auf der Sechs das Hirn des Teams bildete. Sie hatte sich eine Wohnung gekauft, Freundinnen und Freunde gefunden, die Stadt in ihr Herz geschlossen. «Ich konnte mir gut vorstellen, meine Karriere hier zu beenden», sagt sie.

Und es standen grosse Wochen bevor: Arsenal spielte in der Champions League, und am Horizont zeichnete sich die Heim-EM ab – ein Ereignis, das eine Fussballerin nur einmal erlebt.

Lia Wälti wollte keinen Anlass geben, zu zweifeln – nicht an ihrem Körper, nicht an ihr als Person. Sie trainierte, funktionierte. Aber der Körper war nicht so weit, wie sie hoffte. Sie fühlte sich seltsam erschöpft von kleinen Dingen, müde nach kurzen Läufen.

Kreuzbandrisse, Muskelfaserrisse, Ermüdungsbrüche – damit kennen sich Physios und Ärztinnen im Fussball aus. Mit einer offenen Wunde am Gesäss, die langsam abheilen musste, weil ein Abszess entfernt worden war? Damit war man überfordert. Das Kader von Arsenal war ausgedünnt, viele Spielerinnen fehlten verletzt. Wälti sagte offen, wie sie sich fühlte, aber sie war nicht eine, die das Team hängenlassen wollte. Sie sah ja, dass sie gebraucht wurde.

Zunächst spielte sie fast jedes Spiel durch. Doch ab März, als die Verletzten zurückkehrten und die Trainerin zudem die taktische Ausrichtung änderte – auf ihrer Position sollte vermehrt eine offensivere Spielerin eingesetzt werden –, kam sie immer weniger zum Einsatz. 

Lia Wälti, die Kapitänin der Schweizer Nationalmannschaft
Lia Wälti will zeigen, dass Sportlerinnen auch schwierige Zeiten durchmachen.
Bild: Freaky Blink

 

Auch im wichtigsten aller Spiele sass sie auf der Bank: dem Champions-League-Final. 24. Mai 2025, Lissabon. Der grosse FC Barcelona als Gegner. Arsenal gewann 1:0. Sie waren am Ziel, am Ende eines langen Weges. Als Wälti zum Verein gestossen war, war Arsenal weit von Europas Spitze entfernt. Jetzt standen sie oben. «Ich wusste, dass ich meinen Anteil daran hatte», sagt sie. «Das nimmt mir niemand.» Sie hätte gern gespielt, aber sie verstand den Entscheid der Trainerinnen, auf fittere Spielerinnen zu setzen. Die Kräfte waren langsam zurückgekehrt, doch bei hundert Prozent war sie nie.

Lust auf mehr Frauenfussball?
Mit einem Frau Müller Abo kommt das tollste Magazin der Welt direkt zu dir nach Hause.
→ Jetzt abonnieren

«Mental ging es mir in dieser Zeit okay», sagt sie. «Vielleicht weil ich lange nicht begriffen habe, was das alles bedeutet.» Die Sache mit dem Abszess war viel komplizierter, als man zuerst gedacht hatte. Sie lebt bis heute mit den Folgen, mit einer kleinen Drainage, die dauerhaft Eiter ableitet. Schon vor der Operation hatten sich Fisteln gebildet, kleine, entzündete Gänge, die man nur mit Geduld und mehreren Eingriffen behandeln kann – wenn überhaupt. «Es wird mich noch Jahre beschäftigen. Vielleicht bis ans Ende meines Lebens.» Sie sagt das ohne Drama, spricht fast nüchtern über die vielen Unwägbarkeiten, die monatlichen Kontrollen, die sie nun machen muss, die Arzttermine und MRIs, an die sie sich zu gewöhnen versucht, das Organisieren von Fachleuten in England, Italien, der Schweiz.

Sie könnte darüber schweigen; niemand würde von ihr erwarten, in solch persönlichen Dingen offen zu sein. Aber Lia Wälti will reden, so wie sie es früher über ihre psychischen Probleme getan hat. Weil der Sport so viele Tabus hat. Wälti aber Tabus hasst. Sie will zeigen, dass auch Spitzensportlerinnen schwierige Zeiten durchmachen.

Gleichzeitig möchte sie nicht zu viel darüber sprechen, vor allem ihretwegen. Sie ist eine, die sich ans Gute hält, die das Gute sehen will. Wie sonst wäre der Sommer 2025 möglich gewesen?

Ein paar Tage nach dem Champions-League-Final mit Arsenal rückte sie ins Nationalteam ein. Nations-League-Spiel gegen Norwegen, Anfang Juni. Sie spielte, überdehnte im Zweikampf das Innenband, ohne es zu merken. Es war das sechste Länderspiel in diesem Jahr, das die Schweiz nicht gewann. Lange hatte das die Öffentlichkeit wenig gekümmert, aber jetzt, so kurz vor dem Turnier, in das die Schweiz am 2. Juli wieder gegen Norwegen starten würde, begannen die Fragen. War Pia Sundhage die richtige Trainerin? War das Team zu unerfahren, zu leicht auszurechnen?

Lia Wälti sagt, es sei unmöglich gewesen, das Gerede zu ignorieren. «Wir spürten, dass unser Team Potenzial hat. Aber warum machten wir so viele Fehler? Das fragten wir uns auch.»

Lia Wälti, die Kapitänin der Schweizer Nationalmannschaft
«Wir spürten, dass unser Team Potenzial hat.» Lia Wälti über die Nati.
Bild: Freaky Blink

 

Im Rückblick ist sie fast dankbar, dass diese Phase früh kam – und nicht erst im Juli. Damals fühlte es sich miserabel an, heute weiss sie, es war lehrreich. «Wir haben manche Spiele wirklich naiv verloren.» Sie lächelt. Das Klischee, aus Niederlagen lerne man mehr als aus Siegen? «Es stimmt halt. Klar, man kann Misserfolg haben, weil man einfach schlecht ist. Aber so war es bei uns nicht. Wir mussten begreifen: Auf diesem Niveau dribbelst du nicht als Letzte hinten raus, gewisse Dinge lässt du einfach sein. Solche Fehler sind uns an der EM nicht mehr passiert.»

Wegen der Innenbandverletzung war bis zuletzt unklar, ob Wälti würde spielen können. Sie schonte sich, fehlte im letzten Testspiel, aber als die EM kam, tapte sie sich das Knie und biss auf die Zähne. Obwohl sie wusste: «Wenn die Gegnerinnen sehen, wo du verletzlich bist, dann treten sie genau dort drauf.»

Ein Fussballmärchen war es vielleicht nicht gerade. Aber nah dran. Volle Stadien. Fanmärsche durch die Berner Altstadt. Ein Land, das sich verneigte vor seinen Fussballerinnen, die ihm lange egal gewesen waren. Und mittendrin: sie. Die Kapitänin. Eine der Dienstältesten. Der Ruhepuls des Teams. Aber auch die Stimme, die Klartext redet. «Ich war sehr stolz», sagt Lia Wälti. Es war der Sommer ihres Lebens. «Diese Wochen in der Schweiz, in denen alles möglich schien, bleiben in meinem Herzen.» Und doch: «In einer perfekten Welt wäre ein ganz kleines bisschen mehr drin gelegen.»

Sie meint nicht den Viertelfinal gegen Spanien. «Am Schluss war es ein Klassenunterschied. Wir machten es lange gut, aber ehrlicherweise: Wir hatten keine grossen Chancen. Unsere Möglichkeit wäre das Penaltyschiessen gewesen. Oder ein Lucky Punch. Aber irgendwann waren bei uns die Kräfte weg.» Sie spricht von der Gruppenphase, vom Auftakt gegen Norwegen. «Ich fand, wir waren besser. Nicht individuell, aber als Team. Über weite Strecken haben wir sie dominiert. Ein Sieg in diesem Spiel hätte uns eine andere Ausgangslage gegeben. Und dann wäre gegen Italien mehr möglich gewesen als gegen Spanien. Ich sage nicht, wir hätten gewonnen, aber es wäre realistischer gewesen.»

Anfang August war sie schon wieder zurück in London. Aber nicht, um sich mit Arsenal auf die neue Saison vorzubereiten, sondern weil eine weitere Operation nötig war. Die zweite von vielleicht vielen. Wieder Reha. Wieder warten. 

Sie hatte noch ein Jahr Vertrag. Und weil die EM so gut gelaufen war, meldeten sich mehrere grosse europäische Vereine. Aber für Wälti gab es keinen Grund zu wechseln. Im Gegenteil: Sie glaubte noch immer, bei Arsenal ihre Karriere beenden zu wollen – aber am besten weiterspielen, bis zur WM 2027.

Doch dann, sie weiss selbst nicht genau warum, veränderte sich etwas. «Es war ein Bauchgefühl», sagt sie.
Sie merkte: Ihr Spielerinnentyp im defensiven Mittelfeld war in der Planung der nächsten Saison möglicherweise nicht mehr so gefragt wie in der Vergangenheit. Sie suchte das Gespräch mit den Trainerinnen, mit den Verantwortlichen im Klub. «Sie sagten mir, wie sehr sie mich schätzen. Dennoch spürte ich, dass sie eventuell nicht mehr auf mich setzen.»

Dann ging alles schnell. Wenige Tage bloss. Wälti merkte, dass sie, wenn sie ihre Karriere weiterhin selbst bestimmen wollte, handeln musste. Sie gab ihrem Management grünes Licht, fragte an, ob Arsenal einem Wechsel zustimmen würde, sah sich die Angebote noch einmal an – und entschied sich für Italien. Für Turin. Für Juve. Sie dachte: «Wenn ich schon mein Zuhause in London hinter mir lasse, dann wenigstens näher an meinem ersten – an Langnau, an meinen Eltern, an meiner Schwester Meret, einem der wichtigsten Menschen in meinem Leben.»

Sie hatte eine Woche Zeit, um sich zu verabschieden. Jeden Tag, in den Katakomben des Vereins, kamen Menschen auf sie zu – Staff, Angestellte, Teamkolleginnen. Sie dankten ihr nicht nur für die Erfolge, die sie Arsenal gebracht hatte, sondern vor allem für den Menschen, der sie in all den Jahren gewesen war.

Sie weinte jeden Tag.

«Es war schmerzhaft», sagt sie. «Aber auch schön. Ich hätte nie gedacht, dass es so weh tut.»
Ihr Herz sagte: bleib.
Ihr Kopf sagte: geh.

Mitte September übergab sie die Schlüssel zu ihrer Londoner Wohnung einer Arsenal-Spielerin und zog nach Turin, wo alles neu war, wirklich alles. Neue Ärzte. Wo geht man zum Coiffeur? Wo bekommt man gutes Brot? Keine Freundinnen mehr, die spontan an der Tür klingeln. Und vor allem: neuer Fussball. Weniger taktisch, mehr Old School. Italien ist ein Fussballland, aber noch immer kein Frauenfussballland. Wenn die täglich erscheinende, rund achtzig Seiten starke «Gazzetta dello Sport» überhaupt einmal über Frauenfussball berichtet, ist das bemerkenswert.

In der Liga sass Wälti zu Beginn oft auf der Bank, in der Champions League dagegen spielte sie regelmässig. Der Trainer rotiert gerne, meist läuft man entweder hier oder dort auf. Wälti ist 32 – und merkte: leicht ist es nicht, sich auf Neues einzulassen. Aber sie kann es noch immer.

Und jetzt, an diesem Nachmittag im November, steht sie hier, auf der alten Fiat-Teststrecke, beim Fotoshooting für Frau Müller. Das Jahr, das hinter ihr liegt, war unglaublich anstrengend, aber auch unglaublich schön. Lia Wälti wirkt beides zugleich: erschöpft und belebt. Sie sagt, als Fussballerin komme sie auf rund fünfzig Arbeitsstunden pro Woche. «Dieser Beruf ist so einnehmend. Und daneben studiere ich Betriebsökonomie mit Fachrichtung Sportmanagement.»

Lia Wälti, die Schweizer Fussball-Nationalspielerin
«Es ist krass, wie gross die Nachfrage ist». Lia Wälti über ihre neue Firma.   
Bild: Freaky Blink

 

Hätte sie nicht ihre Schwester Meret und ihre enge Freundin Salomé Barrer an ihrer Seite – beides ehemalige Fussballerinnen –, sie wüsste nicht, wo ihr der Kopf stünde. Seit zwei Jahren übernehmen die beiden ihre Medien- und Marketinganfragen, koordinieren Interviews, Sponsoring, Auftritte. «Ohne sie wäre das alles nicht machbar», sagt Wälti. «Ich bin froh, dass ich nur noch entscheiden muss, was ich machen will – nicht, wie ich dorthin komme.» Genau aus dieser Erfahrung heraus ist ihre neue Firma entstanden, an diesem Vormittag offiziell gegründet. Eine Idee, die während des EM-Jahrs gereift ist. «Wir haben gemerkt, wie wenig Unterstützung Frauen in diesem Bereich oft bekommen. Nicht nur Fussballerinnen, sondern generell Frauen im Sport.»

Denn selbst auf höchstem Niveau ist der Unterschied enorm. Noch immer verdienen Fussballerinnen nur einen Bruchteil dessen, was Männer verdienen, nicht nur bei Löhnen und Prämien, sondern auch bei Sponsoringgeldern. Wer als Frau im Sport lebt, weiss: Man muss sich früh ein zweites Standbein aufbauen. Und doch fehlt vielen genau dabei die Unterstützung.

Das wollen sie ändern. Von Frauen, für Frauen. Zu dritt haben sie deshalb die Agentur ins Leben gerufen, eine, die mehr ist als eine Agentur. «Wir verhandeln keine Verträge mit Vereinen», sagt Wälti. «Wir helfen im Bereich Medien, Sponsoring, Personal Branding – all das, was immer wichtiger wird und so oft untergeht.»

Bei ihr war es ein Kinderbuch, das sie diesen Sommer vor der EM zusammen mit ihrer Schwester herausgab. Mehr als 12 000 Exemplare verkauften sie davon – eine beachtliche Zahl, gerade aus der Schweiz heraus. Bei anderen ist es vielleicht ein soziales Projekt, eine Kooperation mit einer Modemarke oder ein Engagement als Speakerin. «Es geht darum, sichtbar zu werden. Und vorbereitet zu sein auf das, was nach der Karriere kommt.» 

Wälti weiss, wie anstrengend das ist. «Ich habe so viele Anfragen. Wenn du das alles allein machst, ist das jede Woche stundenlange Arbeit. Und gleichzeitig hast du deinen Vollzeitjob, dein Studium. Irgendwann bleibt nichts mehr vom Leben übrig.» Die Firma heisst WNXT Agency – WNXT im Sinne von «we are next» oder «women are next», ein Aufruf an die Frauen im Sport, sich den Raum zu nehmen, der ihnen zusteht. «Wir haben mit mehreren Spielerinnen Kontakt, es ist krass, wie gross die Nachfrage ist», sagt Wälti. «Viele hatten bisher gar keine Unterstützung in solchen Dingen. Null.»

Sie lacht, ein bisschen müde, ein bisschen zufrieden. Wer weiss, was das nächste Jahr bringt.

Warenkorb 0

Dein Warenkorb ist leer

Beginn mit dem Einkauf